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News Germany

Der Ulmer Hybrid-OP ist weltweit einzigartig. Das System macht schwierige Operationen für den Patienten noch sicherer. (Universitätsklinikum Ulm)
May 1, 2013 | News Germany

„Der Hybrid-OP ist ein Schritt in den Operationssaal der Zukunft“

by Yvonne Bachmann

Ein Tag des DGCH-Kongresses dreht sich rund um das Thema „Zukunftssicherung durch Innovation“. Im Rahmen einer Sitzung wird Prof. Dr. Florian Gebhard über die OP der Zukunft referieren. Surgical Tribune sprach mit dem ärztlichen Direktor der Klinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Ulm über die Arbeit in einem Hybrid-OP.

Herr Prof. Gebhard, am Ulmer Universitätsklinikum operieren Sie seit Mitte 2012 in einem hochmodernen Hybrid-OP. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Unter einem Hybrid-OP versteht man einen Operationssaal, der alle Kriterien eines Operationssaales und alle Kriterien im Sinne der Sterilität auch für spezielle Eingriffe im Bereich der Gelenk- und Knochenchirurgie erfüllt. Darüber hinaus ist er aber ausgerüstet mit technischen Hilfsmitteln, die der Informationsverarbeitung dienen. So ist es möglich, in Kombination mit einer Bildgebungseinheit, also einem speziellen Röntgengerät, Bilder zu präsentieren, die an anderen Orten eines Klinikums erstellt wurden. Dieses Röntgengerät ist in der Lage, neben normalen Röntgenbildern auch Gefäßdarstellungen oder dreidimensionale Abbildungen von Körperregionen mit Kontrastverstärkung zu erstellen. Das Ganze ist wiederum mit einem chirurgischen Navigationssystem kombiniert, welches es dem Operateur ermöglicht, sich an den regenerierten dreidimensionalen Datensätzen mit chirurgischen Instrumenten zu orientieren, sprich zu navigieren. Das Wort Hybrid-OP erklärt sich daraus, dass eben verschiedene Modalitäten kombiniert werden, die normalerweise in einem Operationssaal nicht vorhanden sind. Dadurch ist dieser Operationssaal für mehrere Fachgebiete nutzbar, wie etwa die Herzchirurgie, die Gefäßchirurgie, die Neurochirurgie und speziell die Unfallchirurgie.


Sie vergleichen den Hybrid-OP mit einem Navigationssystem für Autos. Können Sie uns einmal durch eine typische Operation „navigieren“?


Eine typische Operation wäre ein Eingriff zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Der Patient wird auf den Operationstisch gelegt, und es erfolgt zunächst die genaue Positionsbestimmung der Höhe der Wirbelsäulenverletzung in Bezug zur Lage des Patienten auf dem OP-Tisch. Diese wird mit dem C-Bogen, dem speziellen Röntgengerät, das im OP um den Patienten herumkreisen kann, durchgeführt. Anschließend wird der Patient für die Operation vorbereitet und steril abgedeckt. Nun wird in der geplanten, im System gespeicherten Höhe ein dreidimensionaler Datensatz durch eine automatische Rotationsbewegung des C-Bogen-Gerätes um den Patienten, ähnlich einem CT, erstellt. Zuvor wurde eine Referenzierung an einem Dornfortsatz der Wirbelsäule fixiert, die als Verbindung und Landkartenmarker für das Navigationssystem dient. Nach Abschluss des Datensatzes wird dieser automatisch in das Navigationssystem überspielt, und nach wenigen Sekunden steht dem Operateur dieser Datensatz als navigierbare anatomische Landkarte zur Verfügung. Nun werden navigierbare Zeigeinstrumente, aber auch Bohrinstrumente eingesetzt, und der Operateur kann auf den Millimeter genau anatomische Strukturen im Bereich der Wirbelsäule darstellen und dort zur Stabilisierung der Wirbelsäulenverletzungen Schrauben einbringen, ohne dabei Nerven oder das Rückenmark zu verletzen. Gleichzeitig kann ab dem Zeitpunkt, zu dem die Navigation begonnen wurde, auf den weiteren Einsatz von Röntgenstrahlen verzichtet werden, was die Strahlenbelastung bei der Operation deutlich reduziert.

Bei welchen Operationen kommt das neue System zum Einsatz, und wie viel Prozent der Gesamteingriffe machen diese OPs am Ulmer Klinikum aus?

Das System wird in der Herzchirurgie zum Einsetzen minimalinvasiver Herzklappen genutzt sowie in der Gefäßchirurgie zum Einsetzen von Stents für die Hauptschlagadern. In der Neurochirurgie kommt es bei der Operation von Gefäßstörungen im Gehirnbereich und in der Unfallchirurgie zur Stabilisierung von Wirbelsäulenbrüchen, Beckenbrüchen und zur Operation von bestimmten Tumoren am Skelettsystem zum Einsatz. Es handelt sich bei diesem Hybrid-OP um einen von 15 Operationssälen am Zentrum für Chirurgie. Somit findet dort ein Fünfzehntel aller chirurgischen Operationen statt.


Welche Vorteile entstehen für die Mediziner und die Patienten?


Vorteile für die Mediziner sind eine erhöhte operative Genauigkeit und bessere Möglichkeiten, präoperative Planungsdaten intraoperativ umzusetzen und damit genauere Operationsgrenzen festzulegen. Zudem kann die Menge des zu entfernenden Gewebes bei Tumoroperationen auf das notwendige Minimum reduziert werden, um damit dem Patienten am wenigsten zu schaden. Gleichzeitig bedeutet die erhöhte Genauigkeit für die chirurgische Maßnahme eine massive Steigerung der Sicherheit für den Patienten. Der Patient profitiert in erster Linie von dieser erhöhten Operationssicherheit sowie von der technischen Möglichkeit, Eingriffe über kleinere Zugangswege durchzuführen.


Ärzte aus der ganzen Welt kommen nach Ulm, um sich den Hybrid-OP anzuschauen. Zudem werden Lehroperationen weltweit übertragen. Definiert das Ulmer System den Operationssaal der Zukunft?

Zum jetzigen Zeitpunkt stellt das Ulmer System die höchste Ausbaustufe eines derartigen Operationssaales in der erläuterten Kombination dar. Das ist sicherlich ein Schritt in Richtung Operationssaal der Zukunft, wobei aufgrund der sich rasch entwickelnden Computertechnologie fast mit jedem Tag neue Möglichkeiten aufgezeigt werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss man aber sagen, dass die hier eingebaute Technik „State of the Art“ ist und sich das auch mittelfristig nicht ändern wird.


Es ist vorstellbar, dass viele deutsche Krankenhäuser – gerade jetzt, wo die finanzielle Situation schwierig ist – vor großen Investitionen dieser Art zurückschrecken. Hinzu kommt, dass das Personal entsprechend geschult werden muss. Lohnt sich dieser Aufwand unter dem Strich in puncto Qualität, Wirtschaftlichkeit und Zeitersparnis?

Die Personalschulung hält sich in Grenzen und ist nicht wesentlich höher als bei der Einführung anderer neuer Technologien in Operationssälen. Bezüglich der Investitionen kann festgestellt werden, dass es in vielen deutschen Krankenhäusern trotz des finanziellen Engpasses zu Anschaffungen dieser Art kommt. Erstaunlicherweise wird jedoch diese Art von Operationssälen nur einer einzigen Fachabteilung zugeschrieben. Das Innovative und damit vor allem wirtschaftlich Faszinierende an dem Ulmer System besteht darin, dass ein spezieller Operationssaal mehreren chirurgischen Fachabteilungen zur Verfügung gestellt werden kann, sodass hier ein hoher Nutzungsgrad erzielt werden kann, der wiederum eine rasche Amortisierung des Systems bedeutet. Der Hybrid-OP ermöglicht eine hohe Behandlungsqualität und Zeitersparnis. Damit sorgt er gleichermaßen für Patientensicherheit und Wirtschaftlichkeit.

DGCH-Kongress: Vortragssitzung „Digitaler OP“,
2. Mai, 10.30 bis 12 Uhr, Saal 12

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